Adieu, AOL!

Adieu, AOL!

751px-AOL-Logo.svgEs gab eine Zeit, da brachte mir der Postbote einmal in der Woche einen kleinen, blauen Umschlag, der eine 3,5 Zoll Diskette enthielt. Später wurde der Umschlag etwas größer und nachdem eine zeitlang CDs im Jewel Case bei mir eintrafen, wurde das Jewel Case später eingespart. Dann wurden auch die CDs eingespart und ich bekam kaum noch Post.

In diesem Jahr werden die letzten Niederlassungen meines treuesten Brieffreundes des letzten Jahrtausends in Deutschland geschlossen, AOL sagt “Auf Wiedersehen!”

Mitte der 1990er war AOL mein erster Internet-Provider. Wo ich zuvor nur das graue Maus-Netz, FIDO und ein paar Bretter aus dem Z-Netz mit meinem Modem anpiepste, blinkte nun eine bunte Startbahn und führte mich unter Krächzen und Piepen in die ersten Chaträume mit mehr zig Teilnehmer.

Sogar Boris Becker schaffte es später mit AOL ins Internet zu kommen und ab da war nicht nur Amerika online, sondern auch Deutschland. Nicht nur er wird die heutige Tochter von Time Warner vermissen.So uncool der Ruf von AOL nach der Jahrtausendwende unter den Geeks und Freaks im Netz war, umso größer war die Pionierleistung der Netzeroberung. Wem Compuserve zu Business-lastig war konnte – natürlich nach 21 Uhr bei kostengünstigerer Taktung – zwischen Chat-Rooms, Bulletins und den ersten Internetseiten ganz nach Belieben in unterschiedlichste Rollen schlüpfen. Fast, wie World of Warcraft heute.

Als “Biene72” habe ich mit einem guten Freund stundenlang andere AOLer an der Nase herumgeführt und behauptet, ich sei weiblich, blond und sehr gelangweilt. Das der Anteil weiblicher Nutzer 1996 immer noch extrem gering war, aber die Hälfte der Anwesenden im Chat angeblich weiblich war, schien niemanden aufzufallen.

Für mich war AOL der Schlüssel zu einer neuen Welt, zum Internet wie wir es heute kennen. Mit Google und iPhone, Twitter und Thenextweb. Dafür vielen Dank, AOL!

Noch heute haben einige meiner Freunde eine AOL-Adresse und ich mache mich bei jeder möglichen Gelegenheit darüber lustig. Wer auf seiner Visitenkarte ein @aol.com stehen hat, outet sich bei den grauen Eminenzen des Web 1.0 immer noch als Netzanfänger. Nicht so lustig finde ich es jedoch, dass mit AOL einer der letzten großen Pioniere des Informationszeitalters uns verlassen wird. Liebes AOL, ich werde dich vermissen!

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Shh. Here's some distraction

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